COVID-19-Erkrankungen erhöhen offenbar das Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln – und umgekehrt haben Menschen mit psychischen Störungen ein erhöhtes Risiko, sich zu infizieren.

Unter schweren Infektionen leidet generell nicht nur der Körper, auch die Psyche wird davon oft in Mitleidenschaft gezogen. Vor allem Ängste und Depressionen machen Patienten nach einer durchlebten schweren Infektion zu schaffen. Je nach Erkrankung, etwa bei Influenza oder schweren Atemwegsinfektionen, liegt der Anteil der Patienten, die zwei Wochen bis drei Monate nach der Erkrankung eine psychische Störung entwickeln bei 2,8 bis 3,4 %. Nach einer überstandenen COVID-19-Infektion werden hingegen 5,8 % der Patienten erstmals psychisch auffällig. Das ergab eine Analyse der Daten von 62 000 US-amerikanischen COVID-19-Patienten (1).

Damit scheint das Risiko, erstmals eine psychische Störung zu entwickeln, nach einer überstandenen COVID-19-Erkrankung doppelt so hoch zu sein wie nach anderen Erkrankungen. Insbesondere affektive Störungen, Angststörungen, Insomnien und Demenzen traten vermehrt auf. Insomnien wurden nach einer COVID-19-Erkrankung dreimal häufiger beobachtet als nach einer Influenza-Erkrankung (1,9 % gegenüber 0,6 %). Bei über 65-Jährigen trat eine Demenz nach COVID-19 zweieinhalbfach häufiger auf als nach einer Influenza (1,6 % gegenüber 0,7 %).

Bidirektionaler Zusammenhang von COVID-19 und psychischen Störung

Wurden Rezidive bestehender psychischer Erkrankungen berücksichtigt, zeigte sogar fast jeder fünfte Patient nach überstandener COVID-19-Erkrankung eine psychische Störung: Insgesamt wiesen 18 % der COVID-19-Patienten zwei Wochen bis drei Monate nach der Erkrankung eine psychische Störung auf. Das brachte die Autoren der Analyse auf die Idee, nach einem bidirektionalen Zusammenhang zu suchen. Und sie wurden fündig: Unter psychisch Kranken war das Risiko, an COVID-19 zu erkranken, um 60 % höher als bei Personen ohne psychische Störung. Dieses erhöhte Risiko war weitgehend unabhängig von Alter und Geschlecht. Auch andere Studien sehen eine erhöhte Gefahr für psychisch Kranke, COVID-19 zu bekommen und schätzen das Risiko fünf- bis siebenfach höher ein als in der psychisch gesunden Bevölkerung (2, 3).

Hintergründe noch unklar

Weshalb das Risiko für psychische Störungen durch die Erkrankung erhöht wird, ist bisher unklar. Die Forscher vermuten, dass biologische und psychologische Faktoren zusammenspielen. Denn das Entzündungsgeschehen bei der Erkrankung betreffe direkt oder indirekt auch das Gehirn, was sich in häufigen deliranten Verläufen äußere. Die übermächtige mediale Präsenz des Themas Corona könne bei den Betroffenen zusätzliche Ängste schüren, zum Beispiel vor Langzeitfolgen der Erkrankung.

Das erhöhte Infektionsrisiko unter psychisch Erkrankten ließe sich laut den Forschern unter anderem mit Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen zu bewerten und präventive Verhaltensweisen einzuhalten erklären, sowie den häufigeren Aufenthalten in (überfüllten) Praxen, Krankenhäusern und Wohnheimen. Zudem seien Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen oft sozioökonomisch benachteiligt, würden zu einem ungesünderen Lebensstil neigen und häufiger somatische Begleiterkrankungen aufweisen, die schwere Verläufe bei einer SARS-CoV-2-Infektion begünstigen. [jg]

Literatur

  1. Virtuelle Fortbildungsveranstaltung Psychiatrie Update, 19./20.2.21. Dieter F Braus: COVID-19 und die Psyche. Erich Seifritz: Depressionen.
  2. Taquet M et al. Bidirectional associations between COVID-19 and psychiatric disorder: retrospective cohort studies of 62 354 COVID-19 cases in the USA. Lancet Psychiatry 2021; 8:130-40. DOI: 10.1016/S2215-0366(20)30462-4
  3. Wang QQ et al. Increased risk of COVID‐19 infection and mortality in people with mental disorders: analysis from electronic health records in the United States. World Psychiatry 2020; DOI: 10.1002/wps.20806

Quelle: Springer Medizin